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Gabi Dobusch

Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft

Fortentwicklung der Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH)

A. Neue Strategien
Die Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) befand sich in den letzten beiden Legislaturperioden in schwerer See. Viele finanzielle und organisatorische Fehlentscheidungen des Vorgängersenats, bis hin zu einer angedrohten Schließung eines der renommierten Haupthäuser, des Altonaer Museums, haben die SHMH in ihrer Leistungsfähigkeit zurückgeworfen. Dabei steht die SHMH vor entscheidenden Herausforderungen. In einer sich immer schneller verändernden nationalen und internationalen Gesellschaft kommt den Museen eine zentrale Verantwortung zu. Sie sind gefordert, über den Kulturbereich hinaus auch in sozialen, wirtschaftlichen und politischen Handlungsfeldern Stellung zu beziehen und sich als meinungsbildender gesellschaftspolitischer Faktor zu begreifen. Museumspolitik wird damit zu einem wichtigen Handlungsfeld der Hamburger Kulturpolitik. Die kulturelle und gesamtgesellschaftliche Position und Präsenz der SHMH - wie aller Hamburger Museen - muss gestärkt werden, damit sie trotz schwieriger Haushaltslage in höherem Maß als bisher ihrer Rolle als eine für die Bevölkerung zentrale kulturelle Bildungs-, Vermittlungs- und Forschungseinrichtung gerecht werden kann. Die Teilhabe der Bevölkerung am Museumsgeschehen muss kreativ ausgebaut werden, um durch aktive Förderung des Museumsbesuchs von Kindern und Jugendlichen, durch ein dynamisches Zugehen und sensibles Eingehen auf bisher zu wenig Beteiligte, vor allem aber durch das Einbeziehen von neuen Gesellschaftsgruppen und der Bevölkerung außerhalb des näheren Einzugsgebiets von Hamburg eine starke und dauernde Bindung zwischen Museum und Bevölkerung zu erreichen. Gleichzeitig ist eine übergreifende Betrachtung der Sammlungen in der SHMH notwendig, um die auf verschiedene Häuser verteilten kunst- und kulturgeschichtlichen Bestände in ihrer Vielfalt zu erschließen und damit die Geschichte der Stadt wirkungsvoll zu erzählen. Die Sammlungs- und Ausstellungspolitik der einzelnen Häuser muss daher laufend abgestimmt werden. Dafür muss die bestehende organisatorische Struktur der SHMH verbessert werden: Eine Stärkung der Verantwortung des Stiftungsrates, übergreifend denkende und handelnde Museumsleitungen und ein duchsetzungsfähiges Management können die Effektivität der gemeinsamen Arbeit entscheidend steigern.
Die Popularisierung und Eventisierung der Kultur hat in den vergangenen Jahren zu einer Verschiebung der Prioritäten geführt. In einer erlebnisorientierten Welt bedürfen Dauerausstellungen einer fortlaufenden Aktualisierung, während gleichzeitig die Bedeutung von Sonderausstellungen steigt. Andere wichtige Aspekte der Museumsarbeit wie Sammeln und Bewahren, der gesamte wissenschaftliche und konservatorische bzw. restauratorische Bereich werden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Museen haben das erkannt und in den letzten Jahren einige, teilweise erfreulich erfolgreiche Vorstöße wie die Neugestaltung der Dauerausstellung mit Bezügen zu Themen der Gegenwart und Konzentration auf die Zielgruppe "Junge Familien mit Kindern" im Helms-Museum oder "Kinder-Olymp" im Altonaer Museum gewagt. Darin müssen sie gestärkt werden. Ansätze, die sich bewährt haben, müssen aufgegriffen und verstetigt werden.
Die Zusammenlegung des Museums für Hamburgische Geschichte, des Museums der Arbeit, des Altonaer Museums und des Helms-Museums im Jahr 2007 hat die Erwartungen bisher nicht erfüllt. Inzwischen liegen in Harburg, als auch in Bergedorf einstimmige Beschlüsse der Bezirksversammlungen vor, die die finanzielle und organisatorische Eigenständigkeit "ihrer" Museen fordern, um sie stärker an den regionalen Interessen ausrichten und die lokale Bevölkerung stärker einbinden zu können. Für Harburg bietet es sich an, wieder in den Status der Selbständigkeit vor der Zusammenlegung zurückzukehren; für Bergedorf sind noch konzeptionelle Vorarbeiten für eine Herauslösung aus der Stiftung zu leisten - unter Beteiligung des Bezirks und unter Einbindung der örtlichen Akteure. Denn die örtliche Einbindung ist entscheidend, um sich verändernden Publikumserwartungen gerecht werden zu können und sich gleichzeitig eine breite und nachhaltig tragfähige Besucherbasis zu sichern. Museen konkurrieren zudem nicht nur um Besucherinnen und Besucher und die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch um Sponsorengelder. Sie müssen die Chance nutzen, Alleinstellungsmerkmale und Profile zu entwickeln und flexibel und mit individuellen Lösungen auf Veränderungen vor Ort reagieren zu können. Andererseits ermöglicht die Zusammenarbeit bei Querschnittsaufgaben den gemeinsamen Zugriff auf die Sammlungen sowie einen starken und zeitgemäßen Auftritt beim Marketing und Vermietungsmanagement.

B. Teilhabe organisieren - neue Kommunikationskulturen entwickeln - auf Kooperationen setzen
Museen können und sollen sich durch eigenständige Leitbilder profilieren. Das kann bedeuten, dass beispielsweise Stadt(teil)geschichte als Identitäts- und Migrationsgeschichte stärker als bisher in den Blick genommen und erlebbar gemacht wird und das jeweilige gesellschaftliche Umfeld impulsgebend in der Museumsarbeit aufgegriffen wird. Solche Leitbilder sollten im engen Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Ehrenamtlichen, Freundeskreisen, interessierten Bürgerinnen und Bürgern sowie regionalen Kultur- und Bildungsinstitutionen entwickelt werden, wie das im Altonaer Museum bereits mit dem Runden Tisch in Ansätzen realisiert wurde.
Die entscheidende Herausforderung für alle Museen besteht jedoch darin, dass sich Erwartungen und Rezeptionsverhalten ihrer Besucherinnen und Besucher stark verändert haben. So wollen gerade junge Menschen Ausstellungen nicht mehr nur "passiv" besuchen, sondern sich zu den ihnen gebotenen Informationen und Inhalten verhalten, diese aktiv kommunizieren, teilen und weiterleiten, aber auch initiieren und verändern. Museen und Galerien werden so von Orten reiner Präsentation und Information zu Orten des Mitmachens und Austauschens. Dieser Paradigmenwechsel betrifft vor allem die Kommunikation von Museen, die auf aktuelle Themen reagieren wollen. Die zielgruppenspezifische Ansprache und Kommunikation auf Augenhöhe ist daher ein wichtiger, weiter zu entwickelnder Aspekt für Museen, genauso wie die Erschließung von neuen Zielgruppen und die Kooperation mit anderen Einrichtungen. Für das Museumsmarketing gilt es, die begrüßenswerten eigenen Webauftritte im Bereich Social Media auszubauen und differenzierte zielgruppenspezifische Angebote dort zu verankern. So werden die Museen zu einem präsenten Erinnerungs- und Diskursort für die Geschichte der Stadt und ihrer Quartiere, für eine transkulturelle Gesellschaft, die ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern eine Stimme geben. Verschiedene Konzepte wie das des "First Voice Museum", mit der verschiedene Generationen und ethnischer Gruppen eingebunden werden können und mit der verschiedene persönliche Sichtweisen auf historische Ereignisse dargestellt werden können, sollen berücksichtigt werden.

C. Reform des Museumsstiftungsgesetzes
Das Stiftungsgesetz wird so verändert, dass der von der Bürgerinitiative geforderte Zusatz zum Erhalt der Museen aufgenommen wird. Die Teilhabe der Bevölkerung am Museumsgeschehen muss sich wieder in der Struktur der Gremienbesetzung zeigen. Das Aufsichtsgremium Stiftungsrat muss kompetent besetzt werden und die Beteiligung von fachkundigen Persönlichkeiten vorsehen.

D. Anpassung des "Sonderausstellungsfonds"
In der kurzen Geschichte des Ausstellungsfonds entschied die Jury sehr pragmatisch nicht streng zwischen Dauer- und Sonderausstellungen. Angesicht der angespannten finanziellen Lage in den Museen war dies sehr zu begrüßen. Allerdings beklagen einige Häuser zu Recht die mangelnde Planungssicherheit. Vor allem kleinere, eher lokal orientierte Häuser bzw. Standorte fürchten, mit den großen, international ausgerichteten Häusern nicht konkurrieren zu können. Hinzu kommen fehlende Möglichkeiten, auf aktuelle Entwicklungen vor Ort reagieren zu können. Zukünftig soll der Aspekt der Partizipation von Bevölkerungsgruppen, die bisher nicht erreicht wurden, stärkere Berücksichtigung erfahren und die Hälfte des Sonderausstellungsfonds allen Hamburger Museumsstiftungen direkt für Ausstellungen zur Stärkung des eigenen Profils und der Gewinnung neuer Besuchergruppen zur Verfügung gestellt werden.
Ein entsprechender Änderungsantrag zur haushaltsrechtlichen Zweckbestimmung des entsprechenden Titels 3800.682.30 wird der Bürgerschaft zeitgerecht zu den Haushaltsbeschlüssen Ende November 2011 vorgelegt. Der entsprechende Erläuterungstext würde dann folgenden Wortlaut erhalten: "Die Mittel sind jeweils zur Hälfte für die Finanzierung von außergewöhnlichen Einzelausstellungen und zur anderen Hälfte durch direkte Zuwendung für die Finanzierung von Einzel- oder Dauerausstellungen aller Museumsstiftungen vorgesehen. Hierdurch soll den Museen ermöglicht werden, einerseits außergewöhnliche Ausstellungen verlässlich planen und durchführen zu können, andererseits bestehende Ausstellungen zu erneuern, überarbeiten und ergänzen zu können und damit die Möglichkeit zur Stärkung des eigenen Profils und Gewinnung neuer Besuchergruppen zu erhalten."

Die Bürgerschaft möge beschließen:
I. Der Senat wird ersucht, bis zur Vorlage des Haushaltsplanentwurfs 2013/14 der Bürgerschaft eine Novellierung des Museumsstiftungsgesetzes vorzulegen, die folgende Eckpunkte berücksichtigt:
a) Die Stiftung Historische Museen wird auf die drei Museen Museum für Hamburgische Geschichte, Museum der Arbeit und Altonaer Museum konzentriert.
b) Das Helms-Museum soll unter Berücksichtigung der organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen mit seinen drei Aufgabenbereichen Archäologisches Museum Hamburg / Bodendenkmalpflege der Freien und Hansestadt Hamburg und des Landkreises Harburg / Stadtmuseum Harburg wieder verselbstständigt werden.
c) Unter Federführung des Bezirksamtes Bergedorf soll ein Konzept erstellt werden das vorsieht, die Außenstelle des Museums für Hamburgische Geschichte, das Museum für Bergedorf und die Vierlande, sowie die Außenstelle des Altonaer Museums, das Rieck Haus, unter Berücksichtigung der organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen in eine geeignete Rechtsform zu überführen und in die Verantwortung des Bezirks Bergedorf zu geben.
d) Die Zusammensetzung des Stiftungsrates soll geändert werden: Der Stiftungsrat der SHMH soll zukünftig aus acht Personen bestehen, davon
a. Präses der Kulturbehörde bzw. Vertreterin/Vertreter,
b. einer/einem weiteren Vertreterin/Vertreter der Kulturbehörde,
c. einer Vertreterin/einem Vertreter der Finanzbehörde,
d. einer Vertreterin/einem Vertreter der Beschäftigten,
e. einer Vertreterin/einem Vertreter der Freundeskreise
f. sowie drei unabhängigen externen fachkundigen Persönlichkeiten aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

II. Der Senat wird ersucht zu prüfen, auf welchem bestmöglichen Weg erreicht werden kann,
- dass jedes Museum in der SHMH ein verbindliches Leitbild (weiter-)entwickelt, das der Schärfung der Profile und der inhaltlichen Schwerpunktsetzung vorangestellt wird;
- dass die Leitbilder der Museen in der SHMH im engen Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Ehrenamtlichen, Freundeskreisen, interessierten Bürgerinnen und Bürgern sowie regionalen Kultur- und Bildungsinstitutionen (weiter-)entwickelt werden, wie das im Altonaer Museum bereits mit dem Runden Tisch in Ansätzen realisiert worden ist;
- dass Arbeitsprozesse verbessert sowie einheitliche Rahmenbedingungen und eine klarere Aufgabenaufteilung zwischen den Museen in der SHMH geschaffen werden;
- dass die zwischen den Hamburger Museumsstiftungen bestehenden Synergien fortgeführt und ausgebaut werden;
- dass das Inventarisierungsprojekt für alle Museumsstiftungen fortgeführt und ausgeweitet wird;
- dass das Projekt "Kulturspeicher" als zentrales Depot für die Sammlungsbestände der Museen fortgeführt wird;
- dass in der SHMH ein gemeinsames Marketing in Kooperation entwickelt wird, das die Stärken der einzelnen Häuser berücksichtigt;
- dass in der SHMH eine häuserübergreifende Abstimmung in thematischen, wissenschaftlichen und inhaltlichen Dingen erfolgt;
- dass ein Hamburg-weites Netzwerk der Museen entsteht durch regelmäßigen Austausch und gemeinsame Maßnahmen, wie dies von der Direktorenkonferenz geleistet wurde;
- dass die Teilhabe der Bevölkerung an den Museen der SHMH durch Maßnahmen zur Stärkung der Partizipation und aktualisierte Vermittlungsschwerpunkte für neue Zielgruppen gesteigert wird;
- dass die Organisationsreform der SHMH insgesamt haushaltsneutral durchgeführt wird.

III. Der Senat wird ersucht, eine innovative Museumspolitik in Hamburg zu verfolgen,
- die die kulturelle und gesamtgesellschaftliche Position und Präsenz der SHMH stärkt, damit sie in höherem Maß als bisher ihrer Rolle als eine für die Bevölkerung zentrale kulturelle Bildungs-, Vermittlungs- und Forschungseinrichtung gerecht werden kann;
- die die Teilhabe der Bevölkerung am Museumsgeschehen kreativ ausbaut, um durch aktive Förderung des Museumsbesuchs von Kindern und Jugendlichen, durch ein dynamisches Zugehen und sensibles Eingehen auf bisher zu wenig Beteiligte, vor allem aber durch das Einbeziehen von neuen Gesellschaftsgruppen und der Bevölkerung außerhalb des näheren Einzugsgebiets von Hamburg eine qualitativ hochwertige Bindung zwischen Museum und Bevölkerung zu erreichen;
- die die Sammlungen der SHMH übergreifend betrachtet, um die auf verschiedene Häuser verteilte kunst- und kulturgeschichtliche Bestände in ihrer Vielfalt zu erschließen und die Geschichte der Stadt wirkungsvoll zu erzählen;
- die die laufende Abstimmung der Sammlungs- und Ausstellungspolitik der einzelnen Häuser in der SHMH untereinander gewährleistet, um im gleichen Maße auf eine Optimierung der zeitgemäßen Vermittlung der historischen Bestände zu zielen wie auch durch Sinn gebende Erweiterungen auf Veränderungen des kulturellen Zusammenhangs reagieren zu können;
- die die organisatorische Struktur der SHMH intern verbessert, um die Effektivität der gemeinsamen Arbeit durch Stärkung der verantwortlichen Organe zu steigern.

IV. Der Senat wird ersucht, der Bürgerschaft bis zur Vorlage des Haushaltsplanentwurfs 2013/14 über die Ergebnisse seiner Prüfungen zu den Punkten
II. und III. zu berichten.

Antrag

Hamburgische Bürgerschaft
26.10.2011

Von den Abgeordneten:
Peri Arndt, Matthias Czech, Gabi Dobusch, Gunnar Eisold, Andy Grote, Birte Gutzki-Heitmann, Lars Holster, Gert Kekstadt, Gerhard Lein, Melanie Leonhard, Doris Müller, Mathias Petersen, Wolfgang Rose, Sören Schumacher, Ali Simsek, Isabella Vértes-Schütter, Thomas Völsch, Frank Wiesner

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